| Der Kampf der Auserwählten |
| Während des Irak-Krieges berief US-Präsident Bush sich oft auf die Botschaft der Bibel. Zu Unrecht, denn die Heilige Schrift ist weder kriegslüstern, noch predigt sie den Einsatz von Gewalt |
| Von Klaus Berger |
| Sofern ein Rückblick auf den Krieg im Irak jetzt schon möglich ist, legt sich dem Betrachter der bestürzende Eindruck nahe, dass es sich nach der westlichen Ideologie um einen profanen Kreuzzug gehandelt hat gerüstet noch immer mit derselben Pseudotheologie und dem gleichen Missbrauch der Bibel wie vor genau eintausend Jahren. Denn spätestens mit der Klassifikation einiger Länder als Achse des Bösen waren die Würfel gefallen. Der Ausdruck wurde hierzulande eher belächelt. Das war ein Missverständnis, denn es steckte blutiger Ernst dahinter, wie sich zeigen sollte. Zunächst und vor allem weckt der richterliche Gestus und Habitus derer bei uns tiefe Widerstände, die sich so offensichtlich als die Guten und andere als die Bösen einschätzen. Hier prallen nicht nur Selbsteinschätzungen, sondern Weltbilder aufeinander. |
| Die Sprache von gut und böse verstärkt die Intoleranz |
| Was zunächst stört, ist die schroffe und gnadenlose Zweiteilung in wir und andere mit entgegengesetzter Bewertung. Denn dass andere als böse bezeichnet werden, setzt voraus, dass sich die Sprecher als gut betrachten. Schon diese dualistische Bewertung weckt Erinnerungen an den endzeitlichen Kampf zwischen guten und bösen Mächten, also an den Kampf Michaels gegen Satan. Die Bibel schildert diesen Kampf durchaus in militärischen Bildern, doch nimmt sie Menschen davon eben gerade aus. Denn für die Menschen gilt jetzt und bis zum Ende der Zeiten das Grau in Grau und nach dem ganzen Neuen Testament ein Gewaltverzicht ohne Wenn und Aber. |
| Alles andere, jede Art von Absolutheit, ist überdies unverträglich mit dem Grundton des toleranten Miteinanders, das sich als generelle Regel des Zusammenlebens in der westlich bestimmten zivilisierten Welt und darüber hinaus entwickelt hat. Für diese zerbrechliche Globalität ist jeder Dualismus, der in Schwarz und Weiß einteilt, ebenso peinlich wie tödlich. Er isoliert den, der diesen Standpunkt vertritt, und stört die Konsensgesellschaft. Gerade in den Protesten zum Irak-Krieg hat diese weltweite Einigkeit, die von Indonesien über China bis nach Mexiko reicht, neue Gestalt gewonnen. So wahr es ist, dass hier unterschiedlichste Interessen zusammenfließen, und so sicher auch gilt, dass die allgemeine postmoderne Toleranz weder Kultur noch Standpunkt ersetzen kann, so sehr muss doch gelten, dass absolute Einstufungen, insbesondere moralischer Art, bestenfalls lächerlich wirken. |
| Es ist die Rhetorik von gut und böse, verteilt auf lebende Menschen, die uns als hohl erscheint, geboren aus blinder Selbstüberschätzung und auf dem Wege zu den archaischen Folgen jeder ideologisierten Intoleranz, nämlich zu Mord und Totschlag. Dabei stammt das Pathos dieser Rhetorik, wie zu Recht angenommen, aus verdrehter religiöser Selbsteinschätzung. Da deren Ursprung zweifellos christlich ist, wird diese neue ideologische Verwendung dem Christentum mit Sicherheit schaden. Doch der offensichtliche Mangel an Demut, verbunden mit Gewaltbereitschaft, lässt erhebliche Zweifel aufkommen, als gehe es hier um eine genuine und legitime Ausgabe des Christentums. |
| Die Ursprünge dieser Sichtweise sind zunächst unpolemisch darzustellen. Sie reichen tief in das Christentum zurück, beruhen aber auf einer schwerwiegenden Fehldeutung. Zum einen haben schon bald nach dem Auftreten des Islams christliche apokryphe Apokalypsen, also neu verfertigte Schriften über das Ende der Zeiten, Mohammed und den Islam als Verkörperung des Antichristen, des absolut Bösen am Ende der Zeiten, gesehen. Zum anderen aber, und das ist hier die wichtigere Linie, übernahmen viele der christlichen Gruppen, die die neue Welt besiedelten, aus der radikalen englischen Reformation das Bewusstsein der Auserwählung. Als Gruppe der Auserwählten haben solche Christen die besseren Institutionen (Gesetz, Verfassung). Was für Juden einstmals das Gesetz als Basis für den Stolz auf das Auserwähltsein war, das ist im militanten Protestantismus eine extrem harte Ausgabe von Verfassungspatriotismus geworden. Die Hochschätzung des Gesetzes und der zivilen Ordnung im Calvinismus trägt beträchtlich dazu bei, diese Ordnung missionarisch als das Heilmittel zu verwenden, an dem die Welt genesen soll. |
| Dass man in die Weltgeschichte gewaltsam eingreifen kann, diese Annahme beruht auf einer seit den Kreuzzügen üblichen Missdeutung der Offenbarung des Johannes, Kapitel 20. Dort ist nach Ablauf des Reiches der tausend Jahre davon die Rede, Gog und Magog würden die heilige Stadt Jerusalem bedrohen. Dann kommt nach einer Völkerschlacht das Gericht. Zur Zeit der Kreuzzüge hat man die Angabe der tausend Jahre wörtlich verstanden und sich zur Rettung Jerusalems aufgemacht. Doch in der Offenbarung des Johannes steht mit keinem Wort etwas von christlichen Hilfstruppen beim Ansturm der gottlosen Völkerscharen gegen Jerusalem. Diese hat man schon zu Beginn der Kreuzzüge in einer grandiosen Fehldeutung hinzugefügt. So entstanden die Kreuzzüge. Präsident Ronald Reagan sagte gleich zu Beginn seiner Amtszeit, wir seien die Generation, auf die die Sache mit Gog und Magog zukomme. Doch mit einem grundsätzlich auf das Ende der Welt ausgerichteten Verständnis von Geschichte ist eine strikte Zweiteilung von Guten und Bösen in Sichtweite. Die Guten fassen sich als Hilfstruppen des Gerichtes Gottes auf. Der Schauplatz ist der Vordere Orient, vor allem Jerusalem. Die Guten können der Welt das Licht des wahren Gesetzes bringen. |
| Auch dies ist eine eklatante Fehldeutung. Den Christen der Offenbarung des Johannes ist jede Gewalt untersagt. Und dagegen, dass ich eine Gruppe als die Gerechten bezeichnen und andere namentlich als die Bösen qualifizieren darf, wendet sich die generelle biblische Aussage, dass alle Menschen Sünder sind und es nicht einen Gerechten gibt. Insbesondere das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen in Matthäus 13,2430 mahnt dazu, keine Scheidung von Guten und Bösen vorzunehmen, sondern das Böse und die Bösen auszuhalten. Denn böse zu sein, das ist jeweils nicht eine Gefahr für die jeweils anderen, sondern für die Christen selbst, wie die Schlussbitte des Vaterunsers zeigt (Führe uns vorbei an der Versuchung, befreie uns vielmehr von dem Bösen). |
| Zu den seit alters missbrauchten Bibelworten gehört auch der militärisch klingende Spruch Jesu: Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert (Matthäus 10,34). Nur wenn man diesen Satz aus jedem denkbaren Zusammenhang innerhalb aller Evangelien und der Botschaft Jesu löst, nur dann, wenn man nicht beachtet, dass die meisten Worte Jesu metaphorisch zu deuten sind, kann man daraus eine Aufforderung zum Krieg erblicken. In den Evangelien bedeutet der Satz: Ich bin nicht gekommen, um die Harmoniesucht zu fördern, sondern ich fordere zur Auseinandersetzung um das Evangelium auf, und dieser Streit um die Wahrheit muss sein, auch wenn er Familienfilz und alte Seilschaften zerstört. |
| Kein Politiker kann die Rolle des richtenden Gottes beanspruchen |
| Präsident Bush liebt auch ein anderes Wort der Evangelien, nämlich den Satz von der notwendigen Entscheidung für die USA oder für die Terroristen (Rede vom 20. September 2001). Der Satz entspricht Lukas 11,23 und Matthäus 12,30. Hier redet also einer, der als der letzte Bote der Endzeit zur endgültigen Entscheidung aufruft. Doch sollte der Präsident bedenken, dass dieser Satz auch bei Cicero vorkommt, und zwar aus dem Munde der unterlegenen Partei. Doch der Präsident wird bei der Meinung bleiben, er fechte den eschatologischen Entscheidungskampf Gut gegen Böse aus: We fight evil (Wir bekämpfen das Böse, 16. Oktober 2001). Daher bleibt der Schluss: So viel Weltende war nie! |
| Die grundsätzliche Fehlauslegung einiger Gruppen in den USA ist radikal unbiblisch. Es ist ebenso unverständlich, wie man auch bei uns wieder anfängt, die Bibel als kriegslüstern und gewaltbereit zu diffamieren. Vielmehr liegt bei den genannten amerikanischen Gruppen wie in den Kreuzzügen und in Teilen der englischen Reformation bereits eine Säkularisierung der christlichen Vorstellungen vom Gericht vor. Denn wer nicht auf Gott warten kann, muss selbst die Geschichte in die Hand nehmen und wird selbst ernannter Gerichtsvollzieher. Wo Gott nicht der Herr ist, nehmen seine angeblich Auserwählten die Rolle des Richters wahr. |
| Die religiösen Denkschemata werden von der Wirklichkeit Gottes gelöst und von den Geboten der Humanität abgekoppelt, die im Alten und Neuen Testament unterschiedslos der spezifische Ausdruck des Willens Gottes sind. Dagegen geht es diesen Auserwählten gerade nicht darum, den geforderten Willen Gottes zu tun; vielmehr maßen sie sich eine Rolle an, die in der Bibel bestenfalls Gott selbst oder seine Engel wahrnehmen. Wer die Rolle des richtenden Gottes pachtet, hat damit zwar ein religiöses Schema übernommen, macht aber Gott auf höchst unzulässige Weise Konkurrenz. Denn in der ganzen Bibel gilt das Gewaltmonopol Gottes dem Menschen ist gerade das nicht erlaubt, was allein Gott zukommt, nämlich zu richten und zu scheiden. So hatte nach Lukas 9 Jesus zwei Jünger, die gerne himmlisches Feuer, also Blitz und Donner, über ein ungehorsames Dorf herabgerufen hätten. Jesus verbietet es ihnen ohne Wenn und Aber, auch wenn dieses Dorf ihn und die Jünger unverständlicherweise nicht aufgenommen hatte. |
| Es ist nur ganz konsequent, wenn dieselben Gruppen aus den USA auch ein Weltgericht im Sinne eines internationalen Gerichtshofes beharrlich ablehnen. Denn die Auserwählten sind ja selbst die Richter. Doch wer sich in diesem Sinne als Weltbefreier aufspielt, muss den anderen als äußerst unangenehmer Vorläufer des Jüngsten Gerichts erscheinen. Man kann daher dieses Weltbild kreuzzüglerisch nennen. Dass der Papst sich dem nicht angeschlossen hat, sondern für den Frieden stritt, hängt zum einen mit seiner ausgeprägten, durchaus biblischen Märtyrer-Theologie zusammen; zum anderen aber damit, dass seit einem halben Jahrtausend die Vorstellung von den gewaltsamen Gerichtsvollziehern vor allem Merkmal konservativer Protestanten angelsächsischer Prägung ist. Selbst der glühende Antikommunist Pius XII. hat den Gedanken eines Kreuzzugs gegen den Bolschewismus zwar erwogen, aber sogleich heftig verworfen. |
| Der Versuch, den Einsatz von Gewalt christlich zu legitimieren, hat ausschließlich ideologischen Charakter und beruht auf einem Verrat an den Grundsätzen des Neuen Testaments. Auch das Judentum fasst das eigene Erwähltsein ganz und gar als Leidensweg auf. Daher ist das Gebet des Rabbiners sicher keine leere Erfindung, der sich an den Herrn wendet und sagt: Ach, lieber Gott, lass uns, wenn es denn bitte sein kann, etwas weniger auserwählt sein und dafür auch vielleicht, wenn es denn möglich ist, etwas weniger leiden. |
| Klaus Berger ist Professor für Neutestamentliche Theologie an der Universität Heidelberg; eine seiner letzten Veröffentlichungen war: Wer bestimmt unser Leben? Schicksal, Zufall, Fügung; Gütersloher Verlag, 2002 |
| (c) DIE ZEIT Nr.17/2003 |